Sonntag, 16. Februar 2014

Zeugnisse.

Am Freitag bekam die Große ihr erstes Zeugnis. Eines ohne Noten, mit einer schriftlichen "Bewertung", wie sie sich im letzten und gleichzeitig ersten halben Schuljahr geschlagen hat.
Die Große geht sehr gern zur Schule. Es ist genau das, was sie gebraucht hat und es ist wunderbar mit anzusehen, wie sie in ihrer neuen Rolle als Schülerin aufgeblüht ist. Sie gibt sich immer große Mühe, ist sehr ordentlich und gewissenhaft und möchte am liebsten immer alles richtig machen. Schon oft habe ich ihr erklärt, dass sie doch genau deshalb in die Schule geht - um es zu lernen. Um Fehler zu machen und daraus zu lernen. Dass es dazu gehört Fehler zu machen und wir alle genauso angefangen haben. Dass es nicht wichtig ist, immer alles richtig zu machen oder die Beste zu sein, sondern niemals die Freude am Lernen zu verlieren - auch wenn es Rückschläge gibt. Das anzunehmen fällt ihr ziemlich schwer. Aber da kann ich mir an die eigene Nase fassen und sollte noch etwas an meiner Vorbildfunktion arbeiten.

Als die Große nun am Vorabend sehr aufgeregt ihrer ersten Zeugnisausgabe entgegenfieberte, nutzen wir die Gelegenheit und schauten beim Zubettgehen statt in ein Bilderbuch in meine alte Zeugnismappe. Die Große lauschte gespannt meinen Bewertungen und Noten. Zwischendurch sagte sie immer wieder "Oh, so bin ich auch!" und schlief dann irgendwann neben mir ein. Ich blätterte weiter und musste an meine Worte denken, die ich zur Großen sagte - die Freude am Lernen nicht zu verlieren. ich war immer eine (sehr) gute Schülerin. Meine Mutter hatte immer vollstes Vertrauen in mich und wurde auch nicht nervös, als meine Noten kurz vorm Abitur ins bodenlose versanken. Und sie hat Recht behalten. Mein Abitur schaffte ich mit einem super Ergebnis - ganz ohne Druck oder Kontrolle. Ihr ging es nie darum, dass ich gute Noten erreiche, sondern dass ich meine Aufgaben selbstständig und selbstbestimmt erledigen durfte und konnte - das hat mir für mein weiteres Leben sehr viel mit auf den Weg gegeben. Sie war immer da, wenn ich sie um Hilfe gebeten habe oder wenn ich sie, auch ohne Nachfragen, brauchte. Sie hatte ein gutes Gespür für das alles - so wie es sicher nahezu alle Eltern auf dieser Welt haben, wenn sie auf  sich,  ihr Kind und die gemeinsame Beziehung vertrauen. 

 Ich hoffe sehr, dass auch wir dieses Vertrauen niemals verlieren. Es sah bei meiner Mutter immer so kinderleicht aus, aber so einfach fühlt es sich heute gar nicht an. Das kann ich ganz ehrlich zugeben. 
Aber wie heißt es immer: Man wächst mit seinen Aufgaben.
Und wir wachsen gerade gewaltig!

***

Das Zeugnis der Großen ist übrigens ganz wunderbar gewesen. Es war authentisch und ehrlich. Ganz genau so, wie die Große ist und ich bin beeindruckt, wie gut ihre Klassenlehrerin sie offensichtlich kennt, wie gut sie sie einschätzen kann. Das Zeugnis war viel weniger Bewertung als ich angenommen habe. Stattdessen ein Erlebnisbericht der letzten 6 Monate.
Und es darf nun in dieser eingehüllten Mappe auf Gesellschaft warten :) Die Stoffe hat die Große natürlich selbst ausgesucht. Sie passen perfekt zu ihrem neuen Zimmer.






Kommentare:

  1. Du schreibst immer so schöne Texte !!! Es ist schön zu hören, wie gut sich deine Große in der Schule macht :)
    Auch meine Große kommt dieses Jahr in die Schule und ich bin schon sehr aufgeregt und ich habe Angst...Bisher habe ich noch nicht viel gutes von der Schule gehört und der erste Elternabend hat mich auch nicht wirklich beruhigt ... Meine Große freut sich und ich hoffe sie wird nicht enttäuscht, das ihr das lernen auch immer spaß machen wird.

    Vielen dank für euren Erlebnisbericht <3

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  2. Liebe Line, liebe grosse Maus von Line,

    ihr macht mir grad sehr Mut.
    Ich hab grad ein kleines Mit-meinen-Kindern-umgeh-Tief und Vertrauen ist wirklich etwas, was ich mir wieder mehr zu Herzen nehmen sollte.
    In diesem Sinne ein ganz tolles Restwochenende wünscht Euch

    Melli <3

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  3. Das hast Du gut geschrieben und ich glaube, Du wirst immer den richtigen Weg finden. Ich habe auch immer viel Wert auf Selbstständigkeit gelegt, auch wenn die eine etwas mehr (Start-)Hilfe brauchte als die andere. Und Leistungsdruck sollte man natürlich unbedingt vermeiden. Aber auch da ist jedes Kind anders. Die Eine hat´s aus dem Ärmel geschüttelt und wenn´s mal nicht so geklappt hat, war´s auch nicht schlimm. Und die Andere ist nie mit sich zufrieden... Aber in einem halben Jahr hat auch sie es geschafft und groß werden sie alle :-)
    LG Judy

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  4. Wie wundervoll - das Zeugnis als "Erlebnisbericht des letzten halben Jahres" - Das ist wundervoll! Ich unterrichte in Ö in einer seeeehr ländlichen Gegend. All meine Versuche was zu ändern scheitern immer wieder(vorallem an anderen, aber wohl auch an mir ;-). Ich schreibe jedes Jahr wieder "normale" Zeugnisse und fühl mich scheußlich beim Verteilen. Wie schön, dass ihr eure so gerne mögt!

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  5. Liebe Halitha,
    das hast Du wunderbar geschrieben!
    Die Zeugnissmappe ist auch so schön geworden!
    Ich wünsch Dir einen guten Start in eine wunderschöne und glückliche neue Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  6. Schön, wenn sich eine Lehrerin so viel Zeit lässt zum Beobachten, Wahrnehmen, Aufschreiben...
    Meine Tochter ist jetzt in der Oberstufe, da geht es leider anders zu.
    Ich wünsche euch schöne Ferien!!!

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Ich bin gespannt und freue mich sehr über ein paar ehrliche Worte :)
(Kommentare werden erst moderiert, nicht wundern!)