Warum selbst machen?


Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, in dem jeder jeden kannte.
Unser Haus stand an einem großen Teich, der bis an unseren Garten heranreichte.

Das Mädchen in der Mitte bin ich.
Im Sommer strichen die Zweige der Trauerweiden im Wasser, während wir Kinder den ganzen Tag draußen verbrachten.
Wir haben gestaunt und geholfen, wenn im Garten die Bohnen, die Erdbeeren oder ein anderes Gemüse reif war, wir haben Beeren gesammelt und Obst gepflückt, Kräuter gesammelt und gelernt, wie man Heu wendet, die Tiere damit richtig versorgt und dass Kaninchen von zuviel Klee Bauchschmerzen bekommen. Dass Tauben immer wieder zurück kommen, wenn man sie nur immer regelmäßig füttert und umsorgt.
Meine Oma hat uns jeden Winter Socken, Handschuhe, Mützen und Schals gestrickt, genau so wie wir sie wollten und ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Wolle irgendwann einmal gekratzt hätte. Ehrlich!
Wenn unsere Großeltern ihre Verwandten im "Westen" besucht haben, kamen sie immer mit Autos voller Kleiderkisten zurück und wir machten uns über die Second-Hand-Sachen unserer entfernten Familie her. Uns hat das unheimlich glücklich gemacht!
Wir waren dabei, wenn meine Mutter das Obst für den Winter einkochte, Marmelade herstellte und an jedem Wochenende mehrere Kuchen buk, Braten rollte und zentnerweise Kartoffeln eines befreundeten Bauern entgegennahm um sie einzukellern. 
Ich habe von meinem Vater gelernt wie man Fische ausnimmt und zubereitet, dass es scheinbar unendlich viele Pilzsorten gibt, man sie aber mühsam sammeln und nicht anpflanzen kann. Dass das Leben manchmal schwer ist. 

Mein Vater beim Angeln. Etwa 1990.
Unsere Eltern haben uns beigebracht, dass man Dinge reparieren oder selbst machen kann, anstatt sie (neu) zu kaufen. Dass Konsum nicht zwangsläufig auch glücklich macht.

Heute wohne ich in einer Landeshauptstadt in einem Mehrfamilienhaus, ohne Garten, ohne Tiere.
Unsere Gesellschaft ist noch mehr zu einer Wegwerfgesellschaft geworden. Und ich stehe dieser Entwicklung oft sehr ratlos und ohnmächtig gegenüber.
Wenn ich meinen Kindern ein "Bio"-T-Shirt für 5 Euro kaufe, wie viel bekommt davon die (vielleicht 12-jährige) Näherin in Bangladesch?
Wenn ich mir ein Schweinesteak zum Schleuderpreis kaufe, wie artgerecht konnte das Leben dieses "Produkts" sein?

Dass ich die Welt nicht ändern kann, das weiß ich.
Aber ich will mich wenigstens bemühen und etwas von dem an meine Kinder weitergeben, was mir meine Eltern und Großeltern mit auf den Weg gegeben haben.
Dass man mit vermeintlich "altem" noch viel Gutes anfangen kann.
Dass man nicht immer nur in den Laden geht und kauft, sondern sehr viel selbst machen, basteln, nähen, kochen, bauen, backen und recyceln kann. Dass das aber durchaus Arbeit macht und man den Dingen aus diesem Grund um so mehr Wertschätzung entgegen bringen sollte.

Ob das noch zeitgemäß ist, weiß ich nicht.  
Mal sehen was die Zeit bringt. :)




Kommentare:

  1. LOVE IT! So rührend geschrieben und so wahr. Ich kann Deine Gedanken sehr gut teilen. Auch ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wo eingekocht, angepflanzt, geerntet, geschlachtet und wo heute noch die Federn von Gänsen geschlissen werden um Federbetten daraus zu machen. Meine Mutter und meine Oma kochen für uns Apfelmus, Kompott und Marmeladen ein. Vom Apfelbaum im Garten. Zeitgemäß oder nicht, ob man dadurch die Welt verändern kann oder nicht: DIY macht Spaß, kostet natürlich Zeit, aber lässt einen die Arbeit die dahinter steckt wert schätzen. Das möchte ich auch gern meinem Sohn weitergeben. Ihn lehren, dass es Lebensmittel und Sachen eben nicht nur zum Schleuderpreis im Supermarkt gibt. Danke, liebe Halitha für diese Worte! GLG Katrin

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  2. hach ja, das hast du total gut geschrieben, könnten meine Worte sein. :-) Liebe Grüße.

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  3. Liebe Halitha,

    du sprichst mir aus der Seele! Ich bin zwar auch auf dem Dorf mit Garten aufgewachsen, aber mit viel weniger "Selbermachen" durch meine Eltern... Ich glaube, ich mache mittlerweile mehr Dinge selber als sie ;-)
    Aber auch ich möchte meinem Kind zeigen und vorleben, dass nicht alles so selbstverständlich ist, wie es manchmal zu sein scheint.... Und sei es nur der Kuchen, dessen Teig man grade zusammen gerührt hat und ihn eben erst in den Ofen geschoben hat und daher nicht GLEICH essen kann ;-)

    Liebste Grüße
    Eileen

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  4. wundershön und so wahr...

    ich bin in der nähe von dresden geboren und meine ganzen ferien verbrachte ich bei meinem grosseltern auf dem land.
    ich kann dir in so vielem sehr nachfühlen.
    auch wir hatten einen garten und meine mutter war/ist der kreativste mensch, den ich kenne.
    ihr verdanke ich soviel tolle lebenseinstellung.

    herzliche grüsse von melli

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  5. Das hast du sehr schön geschrieben! Meine Selbermachader hat eine Generation übersprungen. Meine Mutti kann mich immer nicht so verstehen. Aber für mich gibt es nichts Schöneres, als mit eigenen Händen etwas zu schaffen. Man kann die Welt nicht komplett ändern, aber man kann im Kleinen anfangen! Und das will ich auch gern meinen Kindern mitgeben und ich freue mich, wenn sie stolz auf mein Genähtes sind, meine Marmelade lecker finden und am liebsten Mamabrot essen. Das ist einfach schön und nicht mit Geld aufzuwiegen! Liebe Grüße nach Thüringen von Nicole

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  6. "Ob das noch zeitgemäß ist, weiß ich nicht."

    ich denke schon
    denn wenn "man" bei jedem deiner Sätze denkt "ich auch" und sich erinnert und versucht dies damalige ins Heute zu nehmen dann ist es (zumindest wieder) doch sehr zeitgemäss
    und wenn "man" bei sich im Kleinen anfangen mag die Dinge ein bisschen zu wenden und nicht nur auf Bio sondern auch auf Öko schaut
    (ging peinlich lang bis ich begriff dass mir zB Bio-Leinöl aus Samen aus Kanada schnurz sein können)und sich nicht am Wegschmeissen beteiligt sondern seine Dinge weggibt und aus gebrauchter Hand kauft was noch brauchbar und kaufbar ist dann ist dies doch wunderbar
    "schön" find ich immer wie wir versuchen uns die Dinge durch moderne Umschreibung anzupassen
    warum muss aus Gebrauchtwaare "Vintage" oder "shabby" (wahscheinlich net richtig gschriebe) werden
    und die Kleiderkisten die Oma von den Verwandten mitbrachte .. oh wie vermiss ich dies
    so liebe ich es heute alle ausrangierten Sachen in grosse Taschen zu packen und am Freundinnentreff in den grossen Taschen der anderen zu wühlen und was dann über bleibt in den Gebrauchtwaren.Laden zu bringen und nach noch Brauchbarem Ausschau zu halten
    genug gschwatzt
    danke für Ihre Gedanken

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  7. Oh wow... Gerade erst neue leserin geworden aber ich liebe deinen blog schon jetzt... Du schreibst mir aus der seele... Ich bin übrigens ähnlich aufgewachsen nur ohne teich, dafür aber mit bach :-) lg stephanie

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  8. Oh ja genauso denke ich auch! Es wird viel zuviel weggeworfen und neu gekauft.Ich bin auch aufm Land gross geworden und es gab nicht viel, darum wurde auch alles selber gemacht: eingekocht, gepflanzt und geerntet und selber Tiere gehalten, die auch geschlachtet wurden. Meine Oma und meine Mama haben wunderschöne Kleidung gestrickt und mit 14 fing ich mit der näherei an...
    Wenn wir paar leutchen uns zusammen tun, vielleicht können wir die Welt dann ja doch ändern ;)
    LG Rosalie

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  9. hallo hali tha,
    das was du schreibst ist so wahr.das muß eine schöne kindheit für dich gewesen sein.ich bin in einer stadt aufgewachsen,war aber in den ferien immer bei meiner oma auf dem land,dort wurde im sommer unmengen von obst und gemüse eingemacht.holz kleingehackt für den winter,kartoffeln vom feld geholt,brot gebacken und natürlich gestrickt und geflickt.das war meine schönste zeit!
    nun lebe ich in einem haus mit kleinem garten,dort wachsen johannisbeeren,himbeeren und brombeeren,die ich zu gelee oder likör verarbeite.
    wünsche dir einen schönen herbsttag,
    alles liebe regina
    www.reginassimplelife.blogspot.com

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  10. Jetzt hab ich deinen wunderbaren Text zum Selbermachen gelesen und bin sehr gerührt! Wie wunderbar du das beschrieben hast! Die Werte die dir deine Grosseltern und Eltern mit auf den Weg gegeben haben sind wertvoller als alles Materielle.

    Auch mir wird immer mehr bewusst, wie wichtig es ist, gerade in der heutigen Konsumgesellschaft, unseren Kindern etwas WERTvolles mitzugeben.

    Die Schritte mögen noch so klein sein, aber wenn wir ganz viele gehen, legen wir auch ein ganz schönes Stück Weg zurück!

    Alles Liebe! Tina

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  11. Wunderschön geschrieben, Du sprichst mir aus der Seele! Auch wenn ich anders aufgewachsen bin, nämlich mitten in der Stadt, und sicher andere Erfahrungen machen konnte - die Quintessenz des Selbermachens sehe ich genauso!

    Herzlich
    Stefanie

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  12. Ein toller Text! (und wunderschöner Blog!)
    Bis auf den See bin ich fast genau so aufgewachsen, inklusive der Kleiderpakete :o) Es wurde sehr viel selbst gemacht, Weihnachten sah es aus wie in einer Wichtelwerkstatt, es wurde gedrechselt, geklebt und bemalt :)

    Auch wir leben jetzt in einem Ballungsraum und ich versuche, mehr oder weniger selbstbewußt, meinen "Komsumkindern" zu zeigen, was im Leben wirklich sinn- und wertvoll ist.
    Danke und alles Liebe
    Andrea

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  13. Ein tolles Statement zum Thema "Selbermachen".
    Ich mache auch sehr viel selber (oder versuche es wenigstens einmal) und kann deine Worte vollends unterschreiben.
    :)
    Danke für diese Worte
    herzlichst
    Nicole von Herzgemachtes

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  14. Heute will ich auch mal die gelegenheit ergreifen und mich bei euch allen für eure lieben worte zu meiner "lebensgeschichte" bedanken!

    jedes mal, wenn hier ein neuer kommentar erscheint, freue ich mich besonders. denn auch mich berührt diese schöne erinnerung.
    sie ist entschädigung für vieles anderes...!

    ganz liebe grüße

    halitha

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  15. Liebe Halitha,
    Du schreibst mir aus der Seele, vieles habe ich ähnlich erlebt. Zwar bin ich ein Stadtkind, aber auch bei uns wurde vieles selbst gemacht und repariert und recycelt. Diese Konsumgesellschaft gefällt mir nicht und deshalb versuche ich auch, weiterhin so viel als möglich selbst zu machen und weiter zu nutzen. Zeitgemäß oder nicht, wie heißt es so schön: wenn viele kleine Leute viele kleine Dinge tun kommt Großes dabei heraus.
    Lieben Gruß
    Uta

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  16. Hab' den Text erst jetzt gefunden und stimme Dir zu. Auch ich bin in Thüringen ländlich aufgewachsen und vieles wurde selbst gemacht und in DDR-Tradition improvisiert. Viele Dinge, Tätigkeiten und Gerüche verbinde ich mit meiner Kindheit und den Menschen dort.
    LG Ute

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  17. Schön diesen Text von dir noch gefunden zu haben, mit deinen wunderbaren Kindheitserinnerungen (die Cousinen-Pakete aus Köln...). Und ja - nur so geht es: selber versuchen es anders zu machen als es einem der "Mainstream" abverlangen will. Lieben Gruß und jetzt geh ich in deinen Garten ;-) Ghislana

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Ich bin gespannt und freue mich sehr über ein paar ehrliche Worte :)
(Kommentare werden erst moderiert, nicht wundern!)